Purpose Ökonomie: Es geht um Selbstkenntnis

Von 2017 bis 2020 war Lara Bezerra als Geschäftsleiterin verantwortlich für die Führung von Roche Indien. Dabei stellte sie einiges auf den Kopf und änderte unter anderem auch ihre Jobbeschreibung zu Chief Purpose Officer. In diesem Interview erzählt Lara aus ihrer Erfahrung und geht darauf ein, was Purpose mit Selbstkenntnis zu tun hat, welches Mindset entscheidend ist, um in Zukunft erfolgreich zu sein und weshalb Purpose und Nachhaltigkeit so eng miteinander verknüpft sind.

1) Lorenz: Glaubst du, dass ein profitorientiertes Unternehmen wirklich purpose-driven sein kann?


Meine Erfahrung ist die folgende: Die letzten 20-30 Jahre waren eine Periode, welche dem ursprünglichen Zweck und Sinn vieler Unternehmen sehr geschadet hat. Der Zweck jedes erfolgreichen Unternehmens ist am Anfang immer, Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen. Aber an einem gewissen Punkt begannen wir, gewisse wirtschaftliche Theorien zu entwickeln und verloren so die Verbindung zum eigentlichen Zweck der Wirtschaft. Wir begannen, alles zu trennen und in Silos zu denken: Marketing, Produktion, etc.. Plötzlich ist das primäre Ziel, die finanziellen Bedürfnisse der Shareholder zu befriedigen.


... an einem gewissen Punkt begannen wir, gewisse wirtschaftliche Theorien zu entwickeln und verloren so die Verbindung zum eigentlichen Zweck der Wirtschaft.

Plötzlich werden Unternehmen aus einer Perspektive betrachtet, wo es nur indirekt wichtig ist, welcher Mehrwert für die Welt geschaffen wird. Das ist sehr bedenklich. Ich persönlich bin der Überzeugung, dass Unternehmen, welche purpose-driven sind, einerseits profitabler und andererseits, und das ist mir besonders wichtig, vor allem auch nachhaltiger sind. Ich glaube zudem auch, dass alle Organisationen, unabhängig ihrer rechtlichen Grundlage, purpose-driven sein können, wenn sie sich an einem höheren Zweck orientieren.


Lara verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in der Pharmabranche und hatte bereits Führungspositionen in insgesamt 7 Ländern inne. 2017 wurde sie aufgrund ihres personenzentrierten Führungsstiles mit der Leitung von Roche Indien beauftragt. Was sie in dieser Zeit alles veränderte, erfährst du im ersten Teil des Interviews.



2) Was braucht es also, damit Unternehmen wieder mehr sinnorientiert werden?


Es fängt schlussendlich immer in unserem Denken an. Wenn wir nur nach finanziellem Wohlstand streben und uns diesbezüglich konkurrenzieren, wer am meisten verkaufen kann, dann werden wir ohne Frage sehr viel verkaufen, aber wir werden auch Dinge kreieren, die wir nicht wirklich brauchen und die unsere Umwelt zerstören. Alles, was wir heute sehen, ist ein Resultat der Entscheidungen, die wir in den letzten 50 Jahre getroffen haben. Die nächsten 10 Jahre werden wir die Früchte unserer heutigen Entscheidungen ernten. Purpose-driven Organizations, Stakeholder Capitalism, Circular Economy, das sind die Konzepte, die sich jetzt am entwickeln sind und die der Samen dafür sind, was wir in den nächsten Dekaden erleben werden.


Was sich meiner Meinung nach verändern wird, ist das Mass, mit welchem wir Erfolg messen.

Die globalen Herausforderungen werden immer klarer. Die Menschen werden immer bewusster bezüglich der Auswirkung ihrer Handlungen auf die Umwelt. Was sich meiner Meinung nach verändern wird, ist das Mass, mit welchem wir Erfolg messen. Heute ist Geld der Hauptindikator für Erfolg und Purpose ist unser Nachhaltigkeitsindikator. In der Zukunft werden Purpose und der positive Impact unser Erfolgsindikator sein und die Finanzen werden unser Nachhaltigkeitsindikator sein.

Die Sustainable Developement Goals wurden von den vereinten Nationen erarbeitet und dienen dem Zweck gemeinsam eine Nachhaltigere Welt zu kreieren. Die 17 SDGs können Unternehmen dabei unterstützen ihren Purpose und ihre Zielsetzung auf eine nachhaltigere Welt auszurichten.

3) Was bedeutet für dich Selbstbewusstsein (Self-Awareness) im Zusammenhang mit Purpose und Nachhaltigkeit?


Meistens wird Selbstbewusstsein verstanden als das bessere Verständnis von sich selbst. Zu wissen, wer man selbst ist. Zu wissen, was die eigenen Qualitäten sind. Zu wissen, was einen antreibt. Dieses Verständnis von Selbstbewusstsein ist sehr stark auf das Ich fokussiert. Ich persönlich verstehe Selbstbewusstsein als das Wissen darüber, wie wir mit unserer Umwelt verbunden sind. Zu wissen, dass alles, was wir tun, eine Wirkung hat auf unser Umfeld und auch wieder auf uns zurückkommt. Selbstbewusstsein bedeutet für mich zu verstehen, dass wir verbunden sind mit unserer Umwelt und das zurückbekommen, was wir geben. Deshalb hat Selbstbewusstsein auch sehr viel mit Nachhaltigkeit zu tun.


Selbstbewusstsein bedeutet für mich zu verstehen, dass wir verbunden sind mit unserer Umwelt und das zurückbekommen, was wir geben.

4) Was können wir tun, um unseren Purpose zu finden?


Frage dich immer. «Warum bin ich hier?» Wenn du arbeitest, um Geld zu verdienen und deine Familie zu ernähren, dann ist das vollkommen ok. Stelle dir trotzdem die Frage: Was könnte ich in meiner freien Zeit tun, um der Gesellschaft zu helfen? Oder: Wie könnte ich meine freie Zeit nutzen, um etwas zu tun, was ich wirklich gerne mache? Purpose hat viel damit zu tun, wie wir der Welt begegnen. Einstein hat einmal gesagt: «Die wichtigste Entscheidung, die ein Mensch für sich treffen kann, ist, ob er die Welt als gefährlich oder als freundlich anschauen möchte.» Je mehr wir unseren Purpose kennen, desto einfacher wird es, mutig zu sein. Was ist Mut? Mut heisst, eine Entscheidung zu treffen und nicht zu wissen, was dabei herauskommt.


Mut heisst, sich seinen Ängsten zu stellen. Und genau das ist im Moment extrem wichtig.

Mut heisst, sich seinen Ängsten zu stellen. Und genau das ist im Moment extrem wichtig. Wir befinden uns in einer Übergangsperiode. Wir haben die vierte industrielle Revolution gestartet und befinden uns bereits am Anfang der fünften. Die Veränderungen der nächsten 10 Jahre werden unvorstellbar gross sein. Meine Kinder befinden sich in ihrer Ausbildung für Jobs, die es in 10 Jahren mit 60% Wahrscheinlichkeit gar nicht mehr gibt. Ich glaube, wir brauchen mehr denn je Mitarbeitende, die ihren Purpose kennen und für etwas stehen. Menschen, die an etwas glauben, authentisch sind und sich selbst führen können. Wer heute versucht, sich an die Arbeitswelt, wie sie heute existiert, anzupassen und sich über ein aktuelles Jobprofil definiert, der wird schon morgen der Vergangenheit angehören.


5) Wenn wir von Veränderung und Übergängen sprechen, welches Bewusstsein brauchen wir, um als Gesellschaft diesen Wandel zu bewältigen?


Meiner Meinung nach geht es um zwei Dinge: Selbstbewusstsein (Self-Awareness) und Systemdenken. Gehen wir zurück zu Ikigai und Purpose. Zuerst geht es bei Ikigai um Selbstbewusstsein (was Ikigai genau ist, erfährst du im ersten Teil des Interviews). Erkenne deine Passionen und was du gut kannst. Danach geht es vor allem um Systemdenken. Was braucht die Welt und wie kann ich für andere Wert schaffen und auch dafür bezahlt werden? Das ist das Element, welches jeden Einzelnen mit dem grossen Ganzen verbindet.


In meinen Augen ist Ikigai der Schlüssel zu wahrer Nachhaltigkeit. Das Bewusstsein dafür, was die Welt braucht, verbindet uns mit der Zukunft. Wir verstehen so, dass wir Teil von etwas viel Grösserem sind.

In meinen Augen ist Ikigai der Schlüssel zu wahrer Nachhaltigkeit. Das Bewusstsein dafür, was die Welt braucht, verbindet uns mit der Zukunft. Wir verstehen so, dass wir Teil von etwas viel Grösserem sind. Dies ermöglicht uns als Gesellschaft und jedem Einzelnen von uns die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wenn wir versuchen, die Dinge zu kontrollieren und alles zu verstehen, bevor wir eine Entscheidung treffen, wird die Entscheidung mit grosser Wahrscheinlichkeit falsch sein. Warum? Weil wir die Entscheidung basierend auf dem momentanen Status Quo treffen, welcher morgen bereits wieder der Vergangenheit angehört. Wenn du als Individuum systemisch denkst und dich deiner Selbst bewusst bist, wirst du in Zukunft relevant sein. Weil du weisst, was die Welt braucht und in der Lage bist, deinen eigenen ganz persönlichen Beitrag daran zu leisten.


In meiner Masterarbeit untersuchte ich welche organisationalen und individuellen Faktoren dazu beitragen, dass Menschen ihre Berufung finden und leben können. Zu den Forschungsergebnissen geht es hier.


Zum ersten Teil des Interviews mit Lara Bezerra geht es hier.

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